Der Holocaust durch Kugeln YAHAD - IN UNUM
Was ist der Holocaust durch Kugeln?
Zwischen 1941 und 1944 fanden in sieben ehemaligen Sowjetrepubliken (Russland, Ukraine, Belarus, Moldawien, Estland, Litauen und Lettland) tausende von Tötungen in den Gebieten von Ostgalizien bis zu den Flüssen des Baltikums, von den Moskauer Wäldern bis zu den Grenzen des Kaukasus statt. Betrachtet man nur das offizielle Territorium Russlands, Belarus und der Ukraine, so steigt die Zahl der ermordeten jüdischen Menschen nach Schätzungen von Forscher*innen auf mindestens 2,2 Millionen. Diese Zahl umfasst 1,6 Millionen Opfer in der Ukraine, mindestens 500.000 in Belarus und mindestens 120.000 in Russland. Mehr als 80% der Menschen wurden erschossen, alle weiteren wurde deportiert und in den Todeslagern oder in Gaswagen ermordet. Auch das Töten durch Gift, das lebendige Begraben der Opfer oder die Ermordung der Menschen in Gruben oder Brunnen, waren Arten der Ermordung.

Jedoch wird die brutale Ermordung der sowjetischen Juden und Jüdinnen nicht umsonst als „Holocaust durch Kugeln“ bezeichnet. Diese verbrecherische „Methode“ des Mordes von Menschen durch Erschießung wurde während des gesamten Holocausts im Osten durchgeführt, unabhängig von der Zahl der Opfer. Sei es für die Ermordung einer jüdischen Familie in einer Kleinstadt oder von Zehntausenden in einer großen sowjetisch besetzten Stadt.

Während des Sommers im Jahr 1941, wie auch später im Jahr 1944, folgten die Täter demselben Prozess: an erster Stelle stand die Ausrottung der jüdischen Bevölkerung durch das Erschießen von Männern, Frauen und Kindern. Dies geschah oft direkt außerhalb eines Dorfes oder einer Stadt. Am 22. Juni 1941 begann Hitler die Operation Barbarossa, den Angriff auf die Sowjetunion. Der Krieg, den das Dritte Reich im Osten führte, war ein ideologisch motivierter Krieg. Die Eroberung eines „Lebensraumes“, des sogenannten „Lebensraum im Osten“, ein Krieg um die totale Ausrottung des "jüdischen Bolschewismus", stand an erster Stelle. Schon in den ersten Tagen des Einmarsches der Deutschen waren Pogrome in den baltischen Ländern, in Ostgalizien, vor allem in Lemberg und in Wolhynien (Ukraine), in vollem Gange. Es galt oft als Reaktion auf die Entdeckung der Ermordung eines lokalen Nationalisten aus einem NKWD-Gefängnis.

Die ersten Opfer der Einsatzgruppen waren jüdische Männer, in Orten wie Tarnopol oder Jitomir. Der Rest der jüdischen Bevölkerung, die Frauen, Kinder und alten Menschen, wurden in Ghettos mit miserablen Lebensbedingungen eingesperrt, so dass die Juden und Jüdinnen hungern und frieren mussten und oft krank wurden. So, wie zum Beispiel im Ghetto von Minsk in Belarus, welches am 20. Juli 1941 errichtet wurde, oder in all den kleinen jüdischen Vierteln, die über das Land verstreut waren.

Zwischen den Monaten August und September 1941 intensivierte sich der von der deutschen Besetzungsmacht betriebene Völkermord. Es wurden nicht nur mehr Männer erschossen, sondern nun auch Frauen und Kinder. In Belaïa Tserkov (Ukraine) wurden mehr als 23.000 Juden und Jüdinnen von den Nationalsozialisten und ihren Kollaborateuren hingerichtet.

Die flächendeckende und erschöpfende Vernichtung der Juden und Jüdinnen in den besetzten Gebieten wurde von der rumänischen Armee und Gendarmerie, Hitlers Verbündeten, durchgeführt. Millionen Juden und Jüdinnen wurden in Bessarabien und der Bukowina ermordet. Die Mehrheit von ihnen wurde bereits im Juli 1941 getötet, während die restlichen Menschen in Ghettos, in Orten wie Czernowitz oder in Lagern, wie in Mărculeşti und Vapniarka, gefangen gehalten wurden.

Sehr oft geschahen die Erschießungen durch die Nationalsozialisten am helllichten Tag, am Rande der Stadt. Die Täter rekrutierten regelmäßig Einheimische zum Ausheben und Auffüllen der Gräben, manchmal sogar zum Transport der Opfer oder ihrer Habseligkeiten. *NKVD (Narodnii Komissariat Vnoutrennikh Diél): Volkskommissariat für innere Angelegenheiten. Dies war die Politische Geheimpolizei der UdSSR, welche im Jahr 1934 gegründet und 1946 durch das MVD (Ministerium des Inneren) ersetzt wurde. *Das Reichssicherheitshauptamt, abgekürzt RSHA, war eine Organisation mit Sitz in Berlin, die am 27. September 1939 von Heinrich Himmler ins Leben gerufen wurde und deren Hauptaufgabe die Bekämpfung der „Reichsfeinde“ und „unerwünschten“ Personen war. Wörtlich übersetzt heißt es „Waffe der Schutzstaffel“.

Ein Teil der SS, welche aus der Allgemeinen (SS) und dem Sicherheitsdienst (SD) bestand, wurde ursprünglich von Heinrich Himmler als politische Armee geschaffen. Eine der folgenreichsten Erschießungen fand in Kiew statt und löschte eine der wichtigsten jüdischen Gemeinden der UdSSR aus. Am 19. September 1941 marschierten die deutschen Truppen in Kiew ein, als Explosionen durch die Stadt schallten, die von den sich weit zurückziehenden sowjetischen Truppen verursacht wurden, und ein wütendes Feuer die Stadt verschlang. Kaum waren die Flammen gelöscht, wurden am 29. und 30. September 1941 mehr als 33.000 Kiewer Juden und Jüdinnen in der Schlucht von Babyn Yar durch das Einsatzkommando 4a, Polizeibataillone und die örtliche Miliz erschossen.

Die Massaker intensivierten sich im Herbst 1941, als die Verfolgung von den baltischen Ländern bis zur Krim anhielten. Die Erschießungen fanden in den Außenbezirken von Kaunas, Minsk und bei Vilnius im Paneriai-Wald (auch Ponary genannt) statt.

Tausende deutsche, österreichische und tschechische Juden und Jüdinnen wurden ebenfalls in die Ghettos des Nordostens deportiert und erlitten das gleiche Schicksal wie die einheimische jüdische Bevölkerung. Ein weiteres der größten jüdischen Massaker ereignete sich in Bogdanovka, einer kleinen Stadt in der Südukraine, wo mehr als 40.000 Juden und Jüdinnen (meist aus Odessa oder Bessarabien stammend) von rumänischen Truppen und volksdeutschen Siedlern in nur 10 Tagen hingerichtet wurden.

Gegen Ende des Jahres 1941 kam eine weitere Methode der Vernichtung hinzu: Gaswagen. Bald war die jüdische Bevölkerung nicht mehr die einzige Opfergruppe der Einsatzgruppen und anderer mobiler Tötungseinheiten: Kommunist*innen, sowjetische Kriegsgefangene, Partisan*innen, Sinti*zze und Rom*nja und Menschen mit geistiger Behinderung. Im Jahr 1942 wurden die in Russland lebenden Juden und Jüdinnen und vor allem Tausende aus dem Nordkaukasus evakuierte Menschen jüdischen Glaubens entweder erschossen oder in Gaswagen getötet.

Zur selben Zeit, in Belarus und in der Ukraine, wurden die Ghettos „liquidiert“. Ein Wort, das von den Nationalsozialisten verwendet wurde, um die Ausrottung aller Juden und Jüdinnen zu beschreiben, die nicht als „nützliche“ Arbeitskräfte angesehen wurden. Bis zum Frühjahr 1944 fanden die Erschießungen überall in den besetzten sowjetischen Gebieten statt, speziell für die in Arbeitslagern internierten jüdischen Menschen und Familien, die von der örtlichen Polizei beim Verstecken erwischt wurden.

Die Täter waren Teil verschiedener deutscher Einheiten. Die bekanntesten sind die Einsatzgruppen, die mindestens 500.000 Juden und Jüdinnen innerhalb der Grenzen der besetzten sowjetischen Gebiete hinrichteten.

Am 22. Juni 1941 brachen auf Anweisung des Reichssicherheitshauptamtes vier Einsatzgruppen in Richtung Osten auf. Die Einsatzgruppen bestanden aus insgesamt 2.800 bis 3.000 Mann und waren paramilitärische Einheiten, die sich aus Männern der Kriminalpolizei und der Gestapo als Leiter jeder Abteilung, einer Einheit der Waffen-SS sowie einem Reservebataillon einfacher Polizisten zusammensetzten.

Diese heterogenen Gruppen wurden durch Fahrer, Übersetzer, Köche und weiteres Personal ergänzt. Die Einheiten waren vollständig motorisiert, was ihnen eine schnelle Handlungsmöglichkeit im Einsatz ermöglichte.

Die Einsatzgruppen waren in Einsatzkommandos und Sonderkommandos unterteilt. Sie mussten den Truppen an die Front folgen, um in sowjetische Verwaltungsgebäude einzudringen, wichtige Dokumente zu beschaffen und lokale kommunistische Führungskräfte zu identifizieren. Sie waren auch für die systematische Kontrolle der Bevölkerung, Verhaftung oder Razzien bei jüdischen Menschen und deren Vernichtung zuständig. Die Einsatzgruppen waren in vier Gruppen unterteilt: Einsatzgruppe A, zuständig für das Baltikum und den Norden Russlands; Einsatzgruppe B, deren Einsatzgebiet das heutige Belarus und die russischen Regionen Smolensk und Briansk umfasste, Einsatzgruppe C, zuständig für die Nordukraine; und schließlich Einsatzgruppe D, die in den südlichen Teilen der Ukraine und Russlands tätig war.

Andere Einheiten waren im Osten präsent, wie SS-Einheiten oder Bataillone der Ordnungspolizei. Zahlreiche Bataillone waren an der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung im Osten beteiligt, so zum Beispiel bei der Erschießung von Juden und Jüdinnen aus Kiew in Babyn Yar am 29. und 30. September 1941.

Die Polizeibataillone sollten ursprünglich die Ordnung in den besetzten Gebieten aufrechterhalten und den Kampf gegen Partisan*innen führen. Eine wichtige Rolle, speziell für die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung, spielte die Feldgendarmerie, eine der Wehrmachtsgruppen, die auf verschiedene Verwaltungszonen verteilt waren.

Diese Gruppe war für die Aufrechterhaltung der Ordnung innerhalb des Militärapparats, sowie in der Öffentlichkeit zuständig. Aufgrund dieser Aufgaben wurden die Mitglieder der Feldgendarmerie regelmäßig zu summarischen Erschießungen von jüdischen Partisan*innen oder anderen Feinden eingezogen.

Diese heterogenen Gruppen wurden durch Fahrer, Übersetzer, Köche und weiteres Personal ergänzt. Eine letzte, wenig bekannte Einheit war die Geheime Militärpolizei, die aber für politische Aufgaben wie die Jagd auf den Feind in den eigenen Reihen zuständig war. Während des Krieges konzentrierte sich die Geheime Feldpolizei auf die Eliminierung von Partisan*innen und Personen, die als „gefährlich“ galten.

Andrej Umansky, Historischer Berater des Yahad - In Unum